Petra, Juni 2001
Angelina Jolie sammelt Tattoos, bricht Tabus und würde für die Liebe töten. Jetzt spielt die Extremistin und Oscar-Preisträgerin die Cyber-Domina Lara Croft. Und beweist, dass man mit tiefen Abgründen in Hollywood irre erfolgreich sein kann.
Angelina Jolie ist schnell und effektiv. Meist benötigt sie nur die Zeitspanne zwischen zwei Wimpernschlägen, um wie ein Raubvogel Filme an sich zu reißen und Schauspielkollegen wie Denzel Washington (?Der Knochenjäger?) und Winona Ryder (?Durchgeknallt?) zu Statisten zu machen. Und weil Angelina Jolie eine brillante Jägerin ist, hat sie sofort zugegriffen, als die Rolle der Krieger-königin Lara Croft in der Verfilmung von ?Tomb Raider? (Start: 28. Juni) vergeben wurde. Ein kluger Beutezug?
Petra: Lara Croft ist das berühmteste virtuelle Sexsymbol, Sie selbst haben ebenfalls nicht das Image einer Doris Day. Fürchten Sie nicht, dass Frauen Sie spätestens von nun an für die größte Bedrohung seit der Kubakrise halten könnten, Frau Jolie?
Angelina Jolie: Hoffentlich nicht. Mir liegt nichts ferner, als Frauen zu meinen Feinden zu machen. Das wäre schrecklich und absurd obendrein. Schließlich steh? ich selbst ja auch auf Frauen. Deshalb wünsche ich mir, dass mich die Mädels im Kino als Lara Croft genauso rattenscharf finden wie ihre Freunde (lacht). Bei Lara kann ich mir übrigens gut vorstellen, dass sie mit Männern gar nichts am Hut hat. Stellen Sie sich das mal vor: Lara Croft - lesbisch! Das wäre doch ein Schock für die Jungs an den Joysticks. Und zwar weltweit.
Sie sprechen offen über Ihre Bisexualität und auch über Ihre Neigungen zu härteren Gangarten beim Sex. Solche Themen stehen bei Hollywood-Stars normalerweise ganz oben auf dem Index. Warum plaudern Sie, wenn andere schweigen?
Ich könnte natürlich auch übers Wetter reden. Aber ich bitte Sie: Das ist doch sturzlangweilig. Von anderen Leuten will ich ja auch keine Worthülsen lesen. Leere Antworten bringen niemanden weiter. Für mich sind Interviews eine Art Therapie.
Was sagen Ihre PR-Berater zu Ihrer Offenheit?
Die legen mir immer noch und immer wieder nahe, den Mund zu halten. Ohne Erfolg. Innere Zensur findet bei mir nicht statt. Ich war mal mit einer Frau zusammen, habe mich mit Messern verletzt, selbstzerstörerische Sachen gemacht und auch über Selbstmord nachgedacht. Das alles stimmt und ist Teil meines Lebens. Und mein Mann Billy und ich ich besitzen nun mal Vorlieben, die landläufig als pervers gelten. Wenn das jemand so sieht, dann bin ich für diese Person eben pervers. Für mich ist alles, was meinen Mann und mich verbindet, wunderschön.
Ihre Kindheit soll weniger schön gewesen sein...
Meine Kindheit war der blanke Horror. Seit ich denken kann, wusste ich, dass ich mutterseelenallein auf dieser Welt bin. Alles schien finster, seltsam, befremdlich - so wie ich. Ewig bin ich angeeckt. Meine Pubertät war ebenso schlimm. Und als ich anfing, Filme zu drehen, bekam ich ein schlechtes Gewissen, weil ich Arbeit hatte, Geld verdiente und mich trotzdem wie durchs Wasser gezogen fühlte. Es war ein leeres Leben.
Wie sind Sie aus diesem Dilemma herausgekommen?
Ich habe irgendwann begriffen, dass sich Leute mit mir identifizieren können. Es hat mich am leben gehalten zu erfahren, dass andere auch nicht wissen, wo sie hingehören. In vielen Menschen wohnt eine tiefe Traurigkeit. Jeder will aus seinem Käfig heraus, und jeder verspürt den Herzenswunsch, alles auf einmal haben zu wollen. Wir alle kennen den Hunger nach leben, der uns nächtelang den Schlaf raubt.
Im letzten Jahr haben Sie und Ihr Mann in Las vegas eine Blitzheirat hingelegt. Würden Sie sagen, dass Sie mit 26 Jahren inzwischen etwas festeren Boden unter den Füßen haben?
Es ist nicht so, dass aus mir über Nacht ein Sonnenscheinchen geworden ist. Meine Seele ist heute kein hellerer Ort, nur weil ich geheiratet habe. Aber mein Wahnsinn hat jetzt ein Ziel gefunden, und das Ziel heißt Billy. Ich bin besessen von ihm. Absolut besessen.
Was bedeutet das? Führen Sie eine Rock?n?Roll-Ehe?
Ich würde um diesen Mann kämpfen, und zwar bis in den Tod hinein. Bedingungslos. Billy ist mein Gegenstück, nach dem ich immer gesucht habe. Er tickt wie ich. Das macht uns zum freakigsten und unheimlichsten Liebespaar von Los Angeles. Aber sogar wir haben eine stinknormale Seite.
Wann leben Sie die denn aus?
Zum Beispiel, wenn Billys Söhne William und Harry aus seiner früheren Ehe am Wochenende bei uns sind. Ich habe das große Glück gehabt, dass mich eine neue Familie herzlich willkommen heißen hat. Die beiden sind sechs und sieben Jahre alt. Es ist toll, mit ihnen auf dem Fußboden rumzurutschen und mit Legosteinen zu spielen oder auf dem Bett zu liegen, Eis zu essen und blöde Filme im Fernsehen anzugucken. Das sind Momente, in denen alles leicht, einfach und gut ist und ich mich wohl in meiner Haut fühle. Eine völlig neue Empfindung.
Wirkt sich diese neue Leichtigkeit Ihres Seins auch auf Ihren Beruf aus?
Mag sein. Ich drehe zumindest gerade eine Komödie, ?Life Or Something Like It?. Darin trage ich eine hellblonde Pagenkopf-Perücke, mörderhohe Pumps, zehn Pfund Make-up, und Wimpern und Kunstnägel haben sie mir auch noch angeklebt. Dazu spreche ich mit einer Pieps-Stimme wie Minnie Maus auf Helium. Ich spiele eine richtige Tussi und mache mich am Set zum kompletten Idioten. Leute, die mich kennen, legen sich vor Lachen erst mal hin, wenn ich an ihnen vorbeistöckel.
Privat mögen Sie Boots, Jeans und Schlabber-T-Shirts.
Was mich bei jeder Premierenfeier vor scheinbar unlösbare Probleme stellt. Mir wird erst auf den letzten Drücker klar, dass ich jetzt sofort Klamotten brauche und irgendwas mit meinen Haaren machen muss. Letztens habe ich Schussel mir meine Haare gefärbt. Höchstpersönlich. Genauer gesagt einen Teil meiner Haare. Den anderen Teil nicht. Es sah schlimm aus. Am Ende habe ich mir ein Kopftuch umgewickelt. Super. So perfekt ist Angelina Jolie, der Glamour-Star!
Interview: Carolin Streck
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