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Start Interviews "Vielleicht übertreibe ich gelegentlich"

"Vielleicht übertreibe ich gelegentlich"

DER SPIEGEL, Juni 2001
 

Die US-Schauspielerin Angelina Jolie über Depressionen, Tätowierungen und ihre Rolle als unbesiegbare Lara Croft im jetzt anlaufenden Actionfilm "Tomb Raider".
 

Frau Jolie, als Heldin eines Computerspiels hat Lara Croft Millionen Fans. Sie schießt aus der Hüfte und hat niemals Angst. Hat diese Figur, die Sie in Ihrem neuen Film spielen, Ähnlichkeit mit Ihnen?

Lara Croft setzt sich durch und übernimmt die Verantwortung für ihr Leben selbst. Sie liebt ihre Freiheit, sie ist so stark und sportlich wie Männer, aber sie hasst sie nicht - damit kann ich mich sehr leicht identifizieren.
 

Die reiche britische Aristokratin Lara Croft ist allerdings nicht nur schön und selbstbewusst, sondern auch sehr exzentrisch, zum Beispiel hat sie eine ausgesprochene Vorliebe für Maschinengewehre und Abenteuerreisen, bei denen viel Blut fließt. Gilt das auch für Sie?

Okay, manche behaupten, ich sei ein wenig verrückt. Aber das stimmt nicht. Vielleicht übertreibe ich gelegentlich, aber ein Maschinengewehr schleppe ich eigentlich nicht mit mir herum.
 

War es auch eine Übertreibung, dass Sie bei Ihrer ersten Hochzeit mit Ihrem Blut den Namen Ihres Mannes, des Briten Jonny Lee Miller, auf Ihr weißes Hemd gemalt haben?

Nur wer nicht viel zu sagen hat oder ein Angsthase ist, bleibt höflich und unverbindlich. So bin ich einfach nicht. Die Hochzeitszeremonie war symbolisch gemeint, und sie war nicht für die Presse gedacht, sondern betraf ausschließlich meinen Mann und mich.
 

Sie haben zwei Tätowierungen mit dem Namen Ihres derzeitigen Mannes Billy Bob Thornton, überdies ein japanisches Symbol des Todes ...

...und die Initialen meines Bruders...

..und am linken Unterarm ist obendrein ein Zitat von Tennessee Williams zu lesen, "A prayer for the wild at heart, kept in cages". Fällt das auch unter "Übertreibung"?

Als die Dreharbeiten zu "Durchgeknallt" abgeschlossen waren ...

...einem Film, der Ihnen einen Oscar für den Part der psychisch kranken Lisa Rowe einbrachte...

...hatte ich Probleme damit, in die wirkliche Welt zurückzukehren, denn in meiner Rolle war ich vollkommen frei, losgelöst von allen Ketten, und umso eingesperrter habe ich mich nach Abschluss des Films gefühlt. Aus dieser Stimmung heraus habe ich mir das Tennessee-Williams-Zitat eintätowieren lassen. Ich liebe Tattoos. Das erste hatte ich mit 19. Sie gehören mir. Schauspieler gehen von einer Rolle zur nächsten, wechseln ihre Persönlichkeit, und wir verlieren dabei gelegentlich unsere Identität. Tattoos dagegen bleiben: Welche Person ich auch spielen oder welches Kostüm ich anziehen muss, diese Worte, diese Liebeserklärungen, Dinge, an die ich glaube und die mir heilig sind, können nicht verändert oder ausgelöscht werden.
 

Kannten Sie Lara Croft, bevor Ihnen die Rolle angeboten wurde?

Ich gebe zu: nein. Ich bin keine Computerspiel-Fanatikerin - mir fehlt die Geduld dafür, dauernd erschossen zu werden und dann das ganze Spiel wieder von vorn anzufangen.
 

Halten Sie die digitale Lara Croft für das Bild der perfekten Frau?

Ach, was ist schon perfekt? Ihre Brüste sind größer als meine, ihre Taille ist absurd schmal - aber ist Lara Croft deshalb wirklich sexy? Irgendwie beruhigt mich der Gedanke: Die Simulation kann den Menschen nicht ersetzen.
 

Aber sie setzt Maßstäbe: Nun mussten Sie Lara Crofts sportliche Höchstleistungen im Film nachspielen.

Das ließ sich natürlich nicht alles eins zu eins umsetzen. Aber das Training war schon sehr hart: Ich bin gerannt und gerannt, und dann musste ich einige Wochen lang aussetzen, weil ich mir den Knöchel verletzt hatte.
 

Und wie beim Computerspiel wieder von vorn anfangen?

So ungefähr. Dazu kamen Yoga-Übungen, Pilates, Paddeln, Kickboxen, Boxen - fünf unterschiedliche Sachen an jedem Tag, sechsmal pro Woche. Und ich rede nur von der Zeit, bevor wir mit der Filmerei begonnen haben. Aber dieser ganze Sportwahnsinn war auch ein Grund für mich, diese Rolle überhaupt anzunehmen: Ich wollte mich körperlich wieder auf Vordermann bringen.
 

Heißt das, dass Sie vorher nicht in bestem Zustand waren?

Wirklich nicht. Ich habe geraucht und getrunken. Außerdem vergisst man in Hollywood manchmal, was echt und wichtig ist.
 

Haben Sie je daran gedacht, Hollywood zu verlassen?

Die Frage stellte sich anders: Wollte ich mein Leben überhaupt leben oder doch lieber einfach Schluss machen? Ich habe jahrelang in einer gewissen inneren Dunkelheit zugebracht. Genauer gesagt: Ich war depressiv.
 

Wie sind Sie da herausgekommen?

Ich habe einfach beschlossen, mich nie wieder den Regeln des Filmgeschäfts zu unterwerfen. Ich habe das wirkliche Leben entdeckt und begriffen, dass andere Dinge wichtiger sind als eine Karriere in Hollywood.
 

Was meinen Sie mit "wirklichem Leben"?

Na, das ist doch klar: das Leben mit meinem besten Freund, meinem Mann.
 

Interview: Helmut Sorge

 

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