DER SPIEGEL, Juni 2000
Für ihre Rolle der verrückten Schlampe Lisa im US-Kinofilm "Durchgeknallt" erhielt Angelina Jolie einen Oscar - und hat sich damit als derzeit bestes Bad Girl Hollywoods etabliert.
Ein Soziopath ist ein Mensch ohne Gefühle. Er lügt, und wenn er dabei erwischt wird, ist ihm das egal. Scham ist ein Wort ohne Bedeutung. Er macht Fehler, auch das ist ihm gleichgültig, also lernt er nichts daraus. Moral ist für ihn etwas, womit andere sich das Leben schwer machen. Er will nichts in seinem Leben, was schwer ist. Er lebt exzessiv, Sex, Drogen, alles, was den Alltag explodieren lässt.
Ein Soziopath ist aber auch charmant, ein teilnahmsloser Beobachter, der die Schwächen und Eitelkeiten der anderen kennt. Er schillert, weil er sich um soziale Konventionen nicht kümmert: Wenn es ihm nützt, sagt er die falschen Dinge am falschen Ort. Er ist überdurchschnittlich intelligent, und er ist vor allem manipulativ. So einen will eigentlich niemand zum Freund haben. Aber trotzdem lädt ihn jeder zu seiner Party ein.
"Schauspielern bedeutet nicht, so zu tun als ob oder zu lügen. Es geht darum, eine Seite an sich zu finden, die wie der Charakter ist, den man spielt", sagt Angelina Jolie. Es ist gut möglich, dass sie nicht lange suchen musste, um Lisa in sich zu finden: In "Durchgeknallt", der jetzt in Deutschland anläuft, spielt sie eine schöne junge Soziopathin, die seit acht Jahren in einer psychiatrischen Klinik eingesperrt ist. Jolie, 25, agierte so überzeugend, dass sie dafür in diesem Jahr einen Oscar als beste Nebendarstellerin bekommen hat.
Zur Preisverleihung kümmerte sie sich um keine Hollywood-Konvention. Sie kam 20 Minuten zu spät, trug das falsche Kleid und falsche schwarze Haare. Und dann sagte sie auch noch das Falsche: "Ich bin so in meinen Bruder verliebt! Jamie, ohne dich habe ich nichts. Du bist der stärkste und beeindruckendste Mann, den ich je kennen gelernt habe." Natürlich kursierte sofort das Gerücht, sie schlafe mit ihrem Bruder James Haven Voight.
Angelina heißt auf Deutsch "Engelchen", und wenn die Schauspielerin irgendetwas nicht zu sein scheint, dann das. Sie hat ein gestörtes Verhältnis zu ihrem Vater, dem Oscar-Preisträger Jon Voight ("Midnight Cowboy"), seit der seine Frau und die beiden Kinder verließ. Den Hass hat sie sich in die Haut tätowieren lassen: einen Drachen auf den Oberarm, das japanische Schriftzeichen für "Tod" auf die Schulter, ein schwarzes Kreuz auf die Hüfte und auf den Bauch den lateinischen Sinnspruch: "Quod me nutrit me destruit" - was mich nährt, zerstört mich. Sie hat sich als junges Mädchen mit Messern verletzt, weil sie glaubte, nichts mehr zu fühlen. Sie hat Drogen genommen. Mit 20 Jahren heiratete sie den britischen Schauspieler Jonny Lee Miller. Auf ihr weißes Hochzeitshemd schrieb sie mit ihrem Blut seinen Namen.
Bei den meisten Menschen führt diese Sammlung von Unkonventionellem, Finsterem oder Geächtetem an den Rand der Gesellschaft, im schlimmsten Falle ins Gefängnis. Für Jolie ist sie die Basis ihres Erfolgs. Seit ihrer ersten Kinorolle als pummelige Computeramazone "Acid Burn" in "Hackers" (1995) spielt sie die Wilde, die Unberechenbare, das Biest - je exaltierter und unkontrollierter, desto besser. Im Film wird das soziel unerwünschte Verhalten positiv umgedeutet, destruktiv zu interessant, unkontrolliert zu sexy. Es bleibt ohne Risiko für den Zuschauer, denn alles ist ja nur Fiktion. Und deshalb ist Angelina Jolie des derzeit beste Bad Girl in Hollywood.
"Gefährlich, redegewandt und sexy, eine Art weiblicher Robert De Niro" - so hatte der "Durchgeknallt"-Regisseur James Mangold sich die Soziopathin Lisa vorgestellt. Als Jolie ihm die Rolle vorsprach, habe er sich gefühlt, "als habe Gott mir ein geschenk gemacht". Nur aus Höflichkeit hörte Mangold sich noch die anderen Mädchen an; am liebsten wäre er gleich mit Jolie ins nächste Starbucks-Caf? gegangen, um den Vertrag zu unterschreiben. Der Film war gerade erst abgedreht, da hieß es schon, Jolie habe Chancen auf einen Oscar.
"Durchgeknallt" basiert auf dem autobiografischen Bestseller der amerikanischen Schriftstellerin Susanna Kaysen. Sie war 18 Jahre alt, als sie 1967 versuchte, sich mit 50 Aspirin das Leben zu nehmen. Ihre Einweisung in die psychiatrische Privatklinik unterschrieb sie selbst. Borderline-Persönlichkeit war die Diagnose, die Symptome dafür Depression, innere Leere und Ziellosigkeit. Ihre Entlassung konnten nur die Ärzte unterschreiben. Zwei Jahre lang wartete Kaysen darauf.
Aus dem mal traurigen, mal ironischen Episoden-Buch machte Mangold die brave Leidens- und Heilungsgeschichte einer fragilen jungen Frau, die an einer erstarrten Gesellschaft zerbricht und inmitten von Kranken zu ihrem gesunden Ich findet. Winona Ryder, die den Film mitproduziert hat, spielt großäugig und scheu und zart die Hauptrolle. Vanessa Redgrave hat ein paar Auftritte als weise Psychiaterin und Übermutter, Whoopie Goldberg als Stationsschwester ist ihr warmherziges Gegenstück. Der Star von "Durchgeknallt" aber ist Angelina Jolie.
Als Lisa muss - oder darf - sie genau das tun, was außerhalb von Psychiatrie und Filmset nicht toleriert wird: Sie schreit, sie tritt, sie stiehlt einer Selbstmörderin das Geld aus der Tasche, sie nimmt Drogen und hat Sex mit egal wem. Abgemagert ist sie und doch aufgeladen mit destruktiver Energie. Sie spielt mit den Lippen, die so voll und trotzig sind wie aufgespritzt.
In einer Umfrage erklärten heterosexuelle Frauen: Wenn lesbischen sex, dann mit Angelina. "Sehr, sehr schmeichelhaft" findet diese das: "Ich wäre wahrscheinlich die einzige Schauspielerin, die Ja sagen würde." Ja gesagt hat sie schließlich schon früher zu Frauen, zum Beispiel zu dem Model Jenny Shimizu, das sie 1996 bei den Dreharbeiten für den Teenager-Cliquenfilm "Foxfire" kennen lernte.
Solche Bekenntnisse gehören für ein Bad Girl zur Imagepflege, egal ob sie nun stimmen oder nicht. Es gibt nämlich auch das Good Bad Girls Jolie: Das hat die Lee Strasberg Theaterschule in New York besucht, das ist mit dem Rucksack in der Hand in die U-Bahn gestiegen und hat an der New York University Filmseminare besucht. Das hat zwei Jahre lang ein braves Eheleben mit Jonny Lee Miller in einem Apartement in West-Hollywood geführt und behauptet, es habe in seinem Leben mit weniger als fünf Männern geschlafen.
Das Bad Girl hat sich von Videoclips für Meat Loaf und die Rolling Stones über fünf Studentenfilme ihres Bruders und eine billige Science-Fiction-Produktion zu seiner ersten Hauptrolle in "Hackers" nach oben gearbeitet. Kühl und klug hat Jolie sich jene Parts ausgesucht, die zum Bild der schönen Schlampe passen. Zum Beispiel spielte sie in einem US-Fernsehfilm das bisexuelle Model Gia Carangi, das in den achtziger Jahren an Aids starb, und wurde dafür mit dem Golden Globe ausgezeichnet.
In all ihren Rollen stürze sie sich in Extreme, erzählt Jolie, "und so bin ich auch. Ich bin bekannt dafür, das ich zur selben Zeit weine und schreie. Ich bin ein großes Gefühlsdurcheinander". Auch in zwei weiteren Filmen, die Ende Juni in Deutschland anlaufen, präsentiert Jolie sich als die wilde Bitch, die zu viel trinkt, keine Konventionen kennt und der der Hass auf der Zunge brennt. In "Leben und Lieben in L.A." ist sie die jüngste von drei Schwestern - aufgestylt, tätowiert, aggressiv, eine Königin der Nachclubs. Ein HIV-infizierter schüchterner Junge verliebt sich in sie, obwohl sie wie eine Festung ist, aus der Tag und Nacht Geschützfeuer kracht.
In "Turbulenzen - und andere Katastrophen" ist sie in Leopardenkleid und Motorradjacke die unpassende junge Fraue eines Fluglotsen (Billy Bob Thornton, den Jolie vor einem Monat geheiratet hat). Sie betrinkt sich mit Gin, den sie literweise im Supermarkt kauft und verüstet das Liebes- und Eheleben anderer Paare, die im tristen New Jersey ihr Leben zwischen Haarspray und Barbecue vertrödeln. Dass die Filme gefloppt sind und auch "Durchgeknallt" in den USA nur Mäkelkritiken erhielt, hat Jolies Karriere, was elten vorkommt, kein bisschen geschaded.
"Ich muss vorsichtig sein mit der Wahl meiner Rollen", hat Jolie mal gesagt, "weil ich so werde wie sie." Eine Hauptrolle in der Kinoverfilmung der TV-Serie "Drei Engel für Charlie" hat Angelina abgelehnt; ein Engel wird also immer noch nicht aus ihr.
Stattdessen hat sie sich dafür entschieden, den Part des härtesten Mädchens der Cyber-Welt zu übernehmen: Lara Croft.
Marianne Wellershoff
| < Zurück | Weiter > |
|---|


