TV Today, Juni 2001
Es ist der Tag vor ihrem 26. Geburtstag, und Angelina Jolie ist gar nicht nach feiern zumute. Stattdessen wird sie langsam sauer. Stinksauer. da ist sie erst vor wenigen Stunden von Dreharbeiten in Kanada angereist, um in Los Angeles mit einem Haufen Journalisten über ihren bisher größten Film "Lara Croft: Tomb Raider" zu sprechen. Doch jetzt wollen alle nur wissen, was zum teufel mit ihren Brüsten los ist. Genauer: mit der Oberweite von Lara Croft. Die sieht im Film recht seltsam aus. Nicht zu klein, auch nicht so extrem pneumatisch wie bei der digitalen Dame aus fünf Bestseller-Videopielen. Aber doch komisch, irgendwie schräg. Wie kommt das" "Woher soll ich das wissen"", zischt Miss Jolie zurück und scheint Gewaltanwendung zu erwägen, "ich habe den verdammten Push up-BH angezogen und mich damit in meine verdammte Arbeit gestürzt."
Was TV Today bezeugen kann. Bei einem Besuch des "Lara Croft"-Sets in den Londoner Pinewood-Studios im vergangenen Oktober war auf den ersten Blick klar, wer hier die Hotpants anhat. So groß das Team der 100-Millionen-Dollar-Produktion von Regisseur Simon West ("Con Air") auch sein mochte, vor den gigantischen Kulissen des Filmfinales wirkten alle Mitarbeiter wie Miniaturen - bis auf die Hauptdarstellerin. Schließlich ist alles an dem aufwendigen Actionfilm nur Staffage für Angelinas Naturgewalt. West gibt es gern zu: Ernst genommen wurde das Projekt erst, als er die Oscar-Preisträgerin (ausgezeichnet für "Durchgeknallt") angeheuert hatte.
Der Frau, die bekanntlich eine Ampulle mit Blut ihres Ehemannes Billy Bob Thornton um den Hals trägt, nimmt man das Knochenbrechen und Knarrezücken instinktiv eher ab als Jennifer Love Hewitt oder Sandra Bullock, die beide seinerzeit als Lara im Gespräch waren. Jolie dagegen steht (auch privat) für amazonenhaften Sex und leicht lebensgefährlichen Erfahrungshunger. Sie sagt: "Ich kann Dinge nur auf eine Art machen - ich gehe immer den extremen Weg."
Beim Dreh machte der Extremismus der Lara-Darstellerin des Öfteren ihre Stuntfrau arbeitslos. Beispielsweise verbrachte Angelina einen ganzen Tag damit, stets aufs Neue einen Felsabhang hinabzurollen. So ging das geschlagene acht Stunden - mit Anlauf und zusammengebissenen Zähnen. In Shorts und ärmellosem Top krachte sie dabei immer wieder auf ihre völlig ungeschützte Schulter. "Wie beim Militär" hat sie sich gefühlt, sagt Miss Jolie und bilanziert ihre gesammelten Blessuren. Die Aufzählung reicht vom kaputten Sprunggelenk bis zu einigen Blutbeuteln, die sie sich beim Bungee-Training zuzog und zunächst für Bauchmuckeln hielt. Mitunter wurde sie gar zwischen zwei Szenen ohnmächtig, verschwieg das aber der Crew. Hat sie es zwischendurch bereut, sich auf den Croft-Kraftakt eingelassen zu haben" "Die Tage, an denen ich es am meisten hasste, waren gleichzeitig die besten. Je mehr Schmerzen ich überwand, desto weiter trieb ich mich selbst und die Figur."
Doch da "Lara Croft: Tomb Raider" nicht nur ihre Kampfkraft zu Schau stellt, sondern auch ihre weiblichen Attribute unübersehbar in den Vordergrund rückt, steckt das Supergirl in der Zwickmühle wie alle Action-Frauen vor ihr. Selbstständigkeit, ja bitte. Aber im Wonderbra. Jolie blendet diesen Rollenzwang auf ihre Weise aus. "Ich denke nie in Kategorien von Männer- und Frauenparts", erklärt sie und duldet keine Widerrede: "Entweder ist man ein Kämpfer, oder man ist es nicht."
Mit dieser kompromisslosen Haltung hat die 26-Jährige Hollywood im Sturm erobert. Und seitdem lässt sie die Weltöffentlichkeit auch an ihrem ungezügelten Privatleben teilhaben. Mit Vorliebe liefert die Tochter des Schauspielers Jon Voight den Klatschspalten Storys über Sadomasopraktiken, Appetit auf Frauen oder Messerspielchen. Nicht um zu schocken, wie die dunkle Schöne betont: sondern "weil Wahrhaftigkeit für mich die wichtigste Tugend ist und ich bei Pressefragen nicht anfangen werde zu lügen".
Momentan ist es mit dem wilden Leben allerdings nicht so weit her. Im Kloster ist Angelina zwar nicht gelandet, aber durch die Liebe zu ihrem Mann, Schauspieler und Regisseur Billy Bob Thornton, und dessen Kindern scheint ein ungeahnter Frieden in ihr Leben eingekehrt zu sein. "In Filmen stürze ich mich zwar noch in den Abgrund, doch zu Hause kann ich mich mitunter schon so gut entspannen, dass ich mich fast schäme." Schizophren" "Und wie!", erwidert sie, fast begeistert: "Von Laras Leben zum Alltag als Ehefrau zu wechseln, kam mir vor wie die perfekte Persönlichkeitsspaltung."
Die zwei Angelina Jolies erlebt man auch im Interview: Denn wenige Momente nachdem sie noch vehement und wütend ihr Lara-Croft-Wonderbra-Outfit verteidigte, stellt man erstaunt fest: man kann die Frau mit dem schön großen Mund und dem schön großen Mundwerk noch in Verlegenheit bringen. Ganz ohne anzügliche Hintergedanken wird gefragt, wie es denn sei, mit "Lara Croft: Tomb Raider" zur Göttin für eine ganze Generation von Jungs ab zwölf zu werden - und wahrscheinlich die Hauptrolle in manch feuchtem Traum zu spielen. Statt zu antworten, kichert sie albern, hält sich die Hand vors Gesicht - und errötet. Von der Powerfrau zum zarten Wesen binnen Sekunden: die ganz besondere Gabe der Angelina Jolie.
Roland Huschke
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