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Start Interviews Wildes Herz im Käfig

Wildes Herz im Käfig

cinema, Februar 2000
 

Es gibt da ein Mädchen, das spielte schon immer gerne mit Messern. Die Liebe zu scharfen Klingen hinterließ zwar Narben fürs Leben, "aber Du bist jung, du bist verrückt, du hast Sex und diese Messer", zuckt das Mädchen mit den Schultern, "so shit happens". Es gibt da ein Mädchen, das "nichts lieber isst als rotes Fleisch" und es genießt, sich "schmutzig zu fühlen". Es hat eine Menge Tattoos in seine Haut stechen lassen - unter anderen das japanische Symbol für den Tod. Und als es heiratete, opferte es vor Leidenschaft sein Blut, um während der Zeremonie in tiefroten Lettern den Namen des Geliebten auf dem weißen T-Shirt zu tragen. Dieses Mädchen liebt Beerdigungen, weil "das Hinübergleiten nach dem Tode doch wunderbar sein kann". Der Name des Mädchen bedeutet "kleiner, hübscher Engel" und das Engelchen wundert sich tatsächlich, dass man immer "etwas sehr Dunkel in mir vermutet".
 

Angelina Jolie verwirrt die Menschen, und das verwirrt Angelina Jolie. "Ich glaube, ich beschäftige mich einfach mehr mit dem Tod als andere Leute, weil ich das Leben mehr liebe als sie." Weshalb sie Beerdigungen so sehr mag: Schließlich ist dies die letzte Möglichkeit, das Leben eines lieben Menschen gebührend zu feiern und zu würdigen. Oft wird Angelina gefragt, ob sie nicht fürchtet, die vielen Tattoos eines Tages zu bereuen. "Nun, " antwortet sie dann, "das Leben birgt so vieles, was man bereuen könnte, dass ich damit sicherlich Leben kann." Und Leben tut Angelina so, als würde sie morgen sterben, wie sie beteuert, niemals kann sie innehalten und sich zurücklehnen. "Wo immer ich bin, ertappe ich mich dabei, aus dem Fenster zu sehen", erklärt sie, "und mir zu wünschen, ich wäre woanders." Darum ließ sie ein kleines Fenster auf ihren Rücken tätowieren. Überhaupt lässt sich des Engels rastlose Seele am besten durch seine Tattoos deuten: Da wäre auf seinem linken Arm ein Zitat des amerikanischen Dramatikers Tennessee Williams: "A prayer for the wild at heart, kept in cages." "Ich kenne niemanden, der sich wirklich frei fühlt", bedauert Angelina. "Und ich wünsche jedem den Mut, auszubrechen, um ganz er selbst sein zu können." Vor allem aber ermahnt das Tattoo immer wieder sie selbst, nicht in Starre zu verfallen. Williams glaubte, dass Tiere sich im vertrauten Käfig wohlfühlen, weil er ihnen ein trügerisches Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit verleiht. "Das ist es ja", nickt Angelina. "Alles, was uns ein gutes Gefühl gibt, sperrt uns auch ein."
 

Das Mädchen, das Angst hat, eingefangen zu werden vom Glück, hat vielleicht nur Angst, es könnte zerbrechen. Denn als Angelina zwei Jahre alt war, wurde ihr Urvertrauen ordentlich durchgeschüttelt: Ihr Vater, Hollywood-Star Jon Voight, der 1978 für seine Rolle im Antikriegsfilm "Heimkehr" mit dem Oscar geehrt wurde und ihre Mutter, Schauspielerin Marcheline Bertrand, ließen sich scheiden. Angelina und ihr älterer Bruder James Haven wuchsen bei der Mutter auf. "Ich war eine grässliche Nervensäge", befindet die 24-jährige heute. "Dabei wollte ich nie wirklich Ärger machen - Ich wollte nur frei sein." Und zum Freisein gehörten die Spiele mit den Messern: Als Teenager erlaubte Angelina ihrem Boyfriend, sie entlang des Unterkiefers mit einer Klinge zu ritzen. "Diese Geschichten haben viel mit Gefühlen zu tun", versucht Angelina zu verharmlosen. "Es ist die Sehsucht, einfach nur zu fühlen." Und Emotionen müssen raus: "Schon meine Eltern fragten immer: 'Was fühlst Du, was denkst Du?'", erklärt sie ihren Drang, sich erklären zu müssen. "Niemals sagten sie: 'Sei still'."
 

Als Angelina zehn war, nahm sie erste Schauspielstunden am Lee Strasberg Institute in Los Angeles. Damals wurde sie erbarmungslos gehänselt wegen ihrer Zahnspange, ihrer Brille und ihres schlaksigen Körpers. Die Schmach weckte die Rebellin in ihr: Sie vergaß die Schauspielerei, färbte die Haare lila, kleidete sich schwarz und schnupperte in der SM-Szene. Mit 14 verliebte sie sich in einen Punk-Rocker und holte ihn ins Haus ihrer Mutter. Nach der Trennung zwei Jahre später ging es ihr, "als hätte ich eine Ehe hinter mir". Angelina erinnerte sich an ihren Traum, schwor Jungs ab und raffte sich auf: Sie bezog ein eigenes Apartment, kehrte ans Lee Strasberg Institute zurück und verschrieb sich dem Theater. In ihrer ersten Bühnenrolle spielte sie eine deutsche Domina. Vater John Voight rührt ihr Talent zu Tränen, und er gab seinen Segen, als Angelina nach New York ging, um Film zu studieren.

Die nächsten Jahre verbrachte der Engel in der B-Film-Hölle. Aber als sie 1998 und 1999 als beste TV-Film-Darstellerin - für "George Wallace" und "Gia" - mit dem Golden Globe ausgezeichnet wurde, stieg sie auf in den Schauspielhimmel. Vor allem "Gia" raubte Kritkern und Publikum den Atem: Ihre Darstellung des lesbischen Supermodels Gia Marie Currangi, die 1986 an AIDS starb, war erschreckend realistisch. Als ein Interviewer ihr damals eröffnete, dass sie der weibliche TV-Star sei, der auf der erotischen Wunschliste heterosexueller Frauen an der Spitze stehe, outete sie ihre Bisexualität mit den simplen Worte: "Und ich bin von allen Schauspielerinnen wohl diejenige, die am liebsten Sex mit diesen Frauen hätte." Kurz darauf, 1999, ließ sich Angelina von Trainspotting-Star Jonny Lee Miller scheiden, den sie am Set des Cyberthriller "Hackers" getroffen und mit 20 Jahren geheiratet hat. Die Aufregeung um ihr besagtes Hochzeits-Shirts verwirrt sie bis heute: "Als ob das Blut wichtiger war als meine Unterschrift, mit der ich mich für ewig an jemand binde!" Wieso diese Ewigkeit nur vier Jahre wärte, und wie sie den Trennungsschmerz überwand, erklärt sie - natürlich - mit einem Tattoo: Auf ihrem Bauch steht in lateinischen Worten der Satz "Quod me nutrit me destruit" - Auf deutsch: "Was mich ernährt, das zerstört mich auch." "Je glücklicher dich etwas macht, desto tiefer kann es dich auch verletzen", bedauert Angelina Jolie. "Darum muss man das Schlechteste im Leben genauso akzeptieren wie das Gute." Das Leben ist eben zweischneidig.
 

Martina Matthiesen

 

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