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Start Interviews Amica, August 2000

Amica, August 2000

 amica, August 2000
 

Leichte Nervosität liegt im Raum, bevor sie kommt. Der Kollege aus England beißt auf einem Bleistift herum, der Belgier schiebt sein Bandgerät mal nah an ihren Sitzplatz, mal in einen gehörigen Sicherheitsabstand. Man hat ja einiges gehört von ihr, man hat viel gelesen. Über ihre Messersammlung, die sie angeblich gern beim Vorspiel einsetzt, über ihre Tätowierungen, ihre Drogenexperimente, ihre Bisexualität, ihr Interesse an S/M, ihre Lust am Schmutz. Man hat noch ihre Oscar-Dankesrede vom März im Ohr, in der sie sich als ?so verliebt in meinen Bruder? bekannte, ihren Begleiter zur Zeremonie, mit dem sie anschließend lange Küsse tauschte. Man hat von ihrer ersten Ehe mit dem englischen ?Trainspotting?-Star Jonny Lee Miller gelesen, dessen Namen sie in ihrem eigenen Blut auf ihr Hochzeits-T-Shirt schrieb und von dem sie sich trennte, bevor das Blut noch ganz trocken war.

Man hat von der Las-Vegas-Heirat mit dem knapp doppelt so alten Kollegen Billy Bob Thornton gehört, für den sie Gattin Nummer 5 ist und dessen Gattin Nummer 4 verbreitet, er sei ein manisch-depressiver Schläger, wenn er mal wieder sein Lithium abgesetzt hat.
 

Durch die Artikel über Angelina Jolie geht stets ein leichtes Zittern, sei es vor Angst oder Erregung. Mit wollüstigem Schauer wird beschrieben, wie sie ihr Messer in ein blutiges Steak senkt. Wie sie auf ihren Lederrock spuckt, um einen Schokoladenfleck herauszureiben. Wie sie gierig eine Zigarette nach der anderen zwischen ihre Lippen schiebt, zwischen diese geschwollenen, unverschämten, obszönen Lippen, die männliche Schreiber in sabbernde Metaphernräusche treibt und in einiges mehr. Ein amerikanischer Reporter hat sie sogar allen Ernstes gebeten, ihn ins Gesicht zu schlagen, aber kräftig, bitte. Sie kam seinem Flehen mit Vergnügen nach. Zweimal.
 

Keine Frage: Das nette Mädchen von nebenan ist sie nicht, es sei denn, man wohnt neben einer Biker-Bar oder der psychiatrischen Notaufnahme. Sie hat nichts von dem geschrubbten Debütantenball-Charme ? la Gwyneth Paltrow oder Sandra Bullock, der sonst in Hollywood Pflicht ist. Stattdessen ist sie so elektrisierend, so skandalös, so unberechenbar wie ein Rockstar der alten Schule. Eine tickende Bombe, unmöglich zu entschärfen, Albtraum jedes PR-Managers. Kein Wunder, dass die Anspannung im Raum wächst. Was wird sie tun? Was wird sie sagen? Und dann sitzt sie plötzlich da: das T-Shirt sauber, die Fingernägel auch, komplett bei Sinnen, freundlich, porzellanzart, die dünnen Ärmchen und die Pin-up-Brüste unter einer Jeansjacke getarnt. Keine Spur von der oft beschriebenen Fahrigkeit, der Junkie-Blässe.

Entspannt und amüsiert antwortet sie auf jede Frage und sägt ein bisschen an ihrem eigenen Mythos herum, ohne ihn zu zerstören: ?Es ist, als ob mir ein Riesentrick gelungen sei?, sagt sie, ?ein gigantisches Ablenkungsmanöver. Jeder glaubt, schon alle dunklen Geheimnisse von mir zu kennen, und kommt gar nicht auf die Idee, nach anderen Dingen zu graben.? Sie lacht ein kleines Mich-kriegt-ihr-nie-Lachen, von ganz hinten und ganz unten. ?Sehen Sie es doch mal so: Ich bin eine verheiratete Frau, ich hatte noch nie einen One-Night-Stand, ich gehe mit meiner Mutti einkaufen und komme pünktlich zur Arbeit. Ja, ich habe ein Messer neben meinem Bett, aber meistens mache ich nur die Post damit auf.?
 

Bedauert sie es nicht manchmal, den Fantasien der Leute so viel Futter zu liefern? Sie beugt sich vor: ?Ich frage mich, was falsch daran sein soll, völlig ehrlich zu sein.? Pause. ?Ich kann nicht darüber nachdenken, was die Leute von mir halten. Das würde meine Arbeit beeinflussen, verstehen Sie? Schauspielen bedeutet nicht ?so tun, als ob?. Es geht darum, für eine gewisse Zeit eine Seite deines Charakters zu entdecken, die der Figur entspricht, und alle deine anderen Seiten zurückzuhalten. Wenn man alle meine Figuren zusammenfügte, dann wäre ich das.?
 

Angelina Jolie, das ist also bis jetzt: ein lesbisches drogensüchtiges Supermodel (im Fernsehfilm ?Gia?) plus eine instinktsichere Polizistin, die an ihrer eigenen Überforderung wächst (?Der Knochenjäger? mit Denzel Washington) plus ein an den Rändern leicht ausgefranstes Partygirl mit unerschütterlichem Mut zur Liebe (?Leben und lieben in L.A.?) plus eine reichlich zerstörte, aber unfassbar scharfe Fluglotsen-Ehefrau (?Turbulenzen ? und andere Katastrophen?) plus eine verführerische, faszinierende, manipulative Soziopathin (ihre Oscar-gekrönte Rolle in ?Durchgeknallt?).

?Ich fand Lisa völlig normal, ganz ehrlich?, sagt sie über ihre bislang beste Rolle. ?Sie erträgt es nicht, wenn Leute sich selbst belügen, wenn sie verliebt sind in ihre eigenen kleinen Probleme. Sie möchte die ganze Welt am Arm packen und die Wahrheit aus ihr herausschütteln. Sie ist unfähig, sich zurückzuhalten und auf Nummer Sicher zu gehen.?
 

Das könnte sie auch über sich selbst sagen. Gemeinsam ist allen ihren Figuren eine Intensität, der man sich nicht entziehen kann. Selbst in kleinsten Nebenrollen ist es, als ob sie der einzige Mensch auf der Leinwand wäre, man muss sie einfach anstarren, und wenn sie mal in einer Szene fehlt, wartet man auf ihren nächsten Auftritt. Sie ist wie ein Schuss Adrenalin in die Vene, schrieb Time, aber man hat eher den Eindruck, es sind ein paar härtere Substanzen im Spiel. Hollywood ist süchtig nach ihr, kann nicht aufhören, sich das Maul zu zerfetzen über sie, kann aber auch nicht aufhören, sie mit Preisen zu überschütten. Einen Oscar, drei Golden Globes, zwei Preise der mächtigen amerikanischen Schauspielergewerkschaft SAG, Emmy-Nominierungen, Kritiker-Preise ? all das in den letzten zwei Jahren und all das, noch bevor sie 25 war. Michael Cristofer, Regisseur von ?Gia? und ihrem bereits abgedrehten Erotikthriller ?Original Sin? mit Antonio Banderas, erklärt ihren Erfolg mit ihrer völligen Furchtlosigkeit: ?Ich glaube, die meisten von uns sind Feiglinge. Wir sitzen ganz gern in unserer eigenen kleinen Welt. Künstler dagegen sind Abenteurer, die hinaus in die Dunkelheit gehen, weit weg vom Lagerfeuer, und zurückkommen mit Geschichten, die sie da draußen erlebt haben. Angelina ist so eine Abenteurerin.?
 

Das Abenteuer begann schon als Kind. Als Tochter von Schauspielern ? ihr Vater ist Oscar-Preisträger Jon Voight, ihre Mutter die Französin Marcheline Bertrand ? belegte sie mit zwölf Jahren Kurse an der Lee-Strasberg-Schule in New York, zog mit 16 von zu Hause aus, schlug sich als Model durch, spielte in Musikvideos von Lenny Kravitz und den Rolling Stones mit. ?Ich war nicht sicher, ob ich Erfolg haben würde als Schauspielerin, aber ich war sicher, dass es mich glücklich machen würde.? Dieses Glück pflegt sie: Jeder Film wird so sorgfältig ausgesucht wie eine Therapiegruppe. Nach der introvertierten Polizistin die manische Klapsmühlen-Insassin, nach der Frauenwelt der Anstalt die Testosteron-Überdosis des Autoknackerfilms ?Nur noch 60 Sekunden? (Start: 17. August), wo sie als einzige Frau nicht mehr zu tun bekommt, als dekorativ in der Gegend herumzustehen. Und doch könnte man ihr wieder stundenlang beim Rumstehen zugucken. Der Film wird schon deshalb in die Geschichte eingehen, weil zum ersten Mal alle ihre Tattoos mitspielen durften und nicht mit Spezial-Make-up abgedeckt werden mussten.

Der letzte Stand ihrer Sammlung: ein Drachen auf dem linken Oberarm, darüber ?Billy Bob?, ein H auf dem linken Handgelenk, in der Armbeuge ein Zitat von Tennessee Williams, ?A prayer for the wild at heart, kept in cages?, ein Kreuz auf der Hüfte, zwei Borneo-Stammessymbole auf dem Rücken und ein blaues Fenster über dem Steißbein. Quer über dem Bauch allerdings ist auf Latein die beste Einführung in das Denken und Fühlen von Miss Jolie zu lesen: ?Quod me nutrit me destruit? ? was mich ernährt, zerstört mich.

?Was das bedeutet??, fragt sie, ehrlich erstaunt darüber, dass das nicht sonnenklar ist. ?Das kann viel bedeuten: Je glücklicher dich etwas macht, desto tiefer kann es dich auch verletzen. Oder auch: Was gefährlich ist, gibt dir das Gefühl, am Leben zu sein. Man muss es tun, sonst verleugnet man seine Natur.?
 

Damit wären wir bei Billy Bob Thornton, dem Mann, der ihr an Wildheit und Offenheit nicht nachsteht. In ihrem ersten gemeinsamen Interview nach der Hochzeit sprachen beide ausgiebig über ihren fantastischen Sex, der nahe am Totschlag sei. Er: ?Manchmal ist Sex einfach zu viel für uns. Es ist so intensiv, dass wir uns manchmal nur angucken und sagen: ?Weißt du was, wir lassen das jetzt lieber, sonst passiert noch was.?? Sie: ?Die Leute glauben, dass es nicht lange dauern wird mit uns. Und zwar aus denselben Gründen, aus denen sie im tiefsten Inneren wissen, dass wir füreinander bestimmt sind.? Dann erwähnte sie noch ein weiteres ?Billy Bob?-Tattoo an undruckbarer Stelle. Hollywood-Klatschreporter schwören, es liege knapp über der Klitoris. Sie werde ihn lieben, bis sie stirbt, sagt sie auch jetzt wieder. ?Ich habe jemanden geheiratet, der genauso verrückt ist wie ich. Aber zusammen sind wir an einem sehr schönen, ruhigen Ort. Und ich fühle mich freier und stärker und wilder und lebendiger als je zuvor. Ich mache mir keine Sorgen mehr, ob ich verrückt werde. Dann werde ich es eben, wir werden es zusammen, und es ist in Ordnung. Wir lieben uns, und deshalb sorgen wir füreinander. So einfach ist das.?
 

Ja, so einfach ist das. Am Tisch wird es für einen Moment still. So viel Gefühl will erst mal verdaut sein. Sie spürt das und fügt hinzu: ?Ich glaube, dass eine große Stärke darin liegt, seine Gefühle auszudrücken und weich zu sein. Ich habe kein Problem damit zu sagen ? nein, ich bin sogar stolz darauf zu sagen, dass ich meinen Mann sehr brauche. Er ist mein Leben. Er ist alles für mich.?
 

Der Belgier räuspert sich und bringt das Thema schnell auf ihren nächsten Film ?Tomb Raider?, der derzeit in England gedreht wird. Angelina Jolie als Lara Croft ? perfektes Casting. Sie hat die Brüste, sie hat die Intelligenz. Und sie hat die richtigen Gründe, diese Rolle anzunehmen: ?Es gibt eine Szene, in der ich mit Hunderten von Aalen schwimmen muss. Aus irgendeinem Grund freue ich mich darauf.? Der Belgier nickt glücklich. Er freut sich auch, aus irgendeinem Grund. Lara Croft, das könnte ihr großer Durchbruch sein in die Spitzenverdiener-Liga von Hollywood. Begeistert ist sie nicht von dieser Möglichkeit, schon weil sie ihr zu viele Freiheiten nimmt, auch jetzt schon: Vor Vertragsabschluss musste sie einen Drogentest machen. Sie hat bestanden, und jetzt leidet sie: ?Sie haben mir meine Zigaretten genommen und den Alkohol und Zucker. Und Billy. Er ist in L.A., ich in London.? Die Zeit ist um. Sie steht auf, verabschiedet sich höflich und geht. Ist doch gut gegangen, sagt der Brite und klingt enttäuscht. Der Raum fühlt sich auf einmal völlig leer an.

 

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