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Readers Digest

Angelina Jolie lebt in zwei verschiedenen Welten: Hollywood, wo sie Filme macht und in Fünfsternehotels übernachtet, und die Flüchtlingslager in Afrika und Asien, wo sie mit der UN arbeitet und den Obdachlosen neue Hoffnung gibt.

Sie fühlt sich wirklich am Leben, sie fühlt sich wie sie selbst, sagt sie, wenn sie mit diesen Menschen arbeitet, die viel verloren haben und trotzdem dankbar sind.

Mit 24 hat Angelina einen Oscar für ihre Rolle als Soziopathin in ?Girl, Interrupted? gewonnen, war aber mit ihrem damit verbundenen Bekanntheitsgrad und ihrem Vermögen nicht wirklich glücklich. Die Tochter des Schauspieler-Ehepaars Jon Voight und Marcheline Bertrand hat die Nachtteile des Starlebens schon erfahren: ihre Eltern ließen sich scheiden, als sie noch ein Kleinkind war. Und heute sagt sie, dass die Exzesse, die sie in ihrer wilden Jugend durchlebte, hauptsächlich ein Versuch waren, diese innere Leere zu füllen. Nachdem sie die Dreharbeiten zu ?Lara Croft? abgeschlossen hatte, bewarb sich Angelina freiwillig als UN Botschafterin und kehrte nach Kambodscha zurück, um Flüchtlingslager zu besuchen. Sie hatte ihre Aufgabe gefunden und fand heraus, dass ihre Berühmtheit und ihr Geld genutzt werden könnten, um Gutes zu vollbringen.

Heute ist sie die Mutter von Maddox, 3, den sie in Kambodscha adoptierte ? und sie hofft, noch mehr Kinder adoptieren zu können. Wir trafen Angelina Jolie in Beverly Hills an ihrem freien Tag vom Dreh. Sie sprach mit uns über ihre Rolle als Mutter Alexander des Großen (gespielt von Colin Farrell) in ihrem neuen Film, ?Alexander?, über ihre Leidenschaft, den Enteigneten zu helfen und ihr Verlange nach einem Partner, mit dem sie all dieses teilen kann.

RD: Wollten Sie schon immer Kinder haben?

AJ: Ich habe irgendwie immer gefühlt, dass ich keine Mutter sein würde. Ich wusste, dass man als Eltern nicht selbst zerstörerisch oder unsicher sein darf. Ich dachte nie, das ich so ausgeglichen sein könnte.

RD: Hat Ihr Sohn Ihnen geholfen, diese Balance zu finden?
AJ: Er hat mich beruhigt, und ich habe meinen Frieden gefunden. Es hat mich stärker gemacht, weil ich mein Leben über Nacht geändert habe, um unser beider Leben zu verbessern. Mein Sohn ist das Tollste, was mir jemals im Leben passiert ist.

RD: Sie haben Maddox zum ersten Mal gesehen, als sie für die UN in Kambodscha waren. Hat er Sie ausgesucht oder Sie ihn?

AJ: Ich glaube, das war beidseitig. Ich habe noch nie in meinem Leben ein Baby gehalten. Ich war eine von diesen Frauen, zu der Frauen sagen: ?Wollen Sie mal mein Baby halten?? und die dann sagt: ?Nein?? Da waren insgesamt 14 Kinder in dem Waisenheim und er war das letzte Kind, das ich gesehen habe. Sie haben ihn in meine Arme gelegt und er hat geschlafen. Dann haben sie ihn gebadet und er hat einfach weitergeschlafen. Dann habe ich mit ihm dagesessen und er hat seine Augen aufgemacht und mich eine Ewigkeit lang angestarrt. Und dann hat er gelächelt.

RD: Wie alt war er da?
AJ: Drei Monate, als ich ihn getroffen habe und sieben Monate, als er zu mir kam.

RD: War das eine große Umstellung?
AJ: Ich hatte das Gefühl, das man arbeiten muss, um eine gute Mutter zu werden, also habe ich es mir in mancherlei Hinsicht schwieriger gemacht, als es das eigentlich ist. Bei mir in meinem Haus hat mir niemand geholfen. Ich habe geduscht, während er in einem Laufstall im Badezimmer war und ich habe versucht, mir die Zähne zu putzen, während ich ihn auf dem Arm hatte. Manchmal bin ich nur in eine Decke gewickelt herumgelaufen, kein Oberteil, weil ich nicht rauskriegen konnte, wie ich mich anziehen konnte, während ich ihn auf dem Arm hatte.

RD: Ihre Ehe mit Billy Bob Thornton ist zu diesem Zeitpunkt auseinander gebrochen.

AJ: Ja, das war eine schwierige Zeit in meiner Ehe, aber für mich als Frau war es die glücklichste Zeit in meinem Leben.

RD: Ich habe gelesen, dass Billy Bob über sie folgendes gesagt hat: ?Ich hatte Angst vor ihr. Sie war einfach zu schön, zu schlau. Sie war sich selbst so sicher. Ich habe mich neben ihr klein gefühlt.? Haben Männer wirklich Angst vor Ihnen?
AJ: Ich bin nicht sehr nestbauerisch. Das gute daran ist, dass ich die ganze Zeit unter Strom stehe, und alles Mögliche anstelle. Der Nachteil ist, dass ich nicht viel Zeit habe, rum zu sitzen, einen Film anzusehen und Händchen zu halten. Ich setze mich nicht wirklich für meine Beziehungen ein. Ich konzentriere mich mehr auf die Welt um mich herum. So etwas mag nicht jeder Mann.

RD: Braucht ein Kind einen Vater?

AJ: Ich habe Männer in meinem Leben. Ich habe einen Bruder. Maddox wird schon männliche Vorbilder haben. Ich bin auch ohne Vater aufgewachsen.

RD: Aber Sie wussten, wer Ihr Vater war. Sie haben ihn ab und zu gesehen.

AJ: Ja schon, aber ich glaube nicht, dass das unbedingt besser war. Ich hatte keine gute Beziehung zu meinem Vater. Während ich aufwuchs war meine Mutter ständig gestresst und hat oft geweint. Ich wollte das für meinen Sohn nicht. Ich glaube, die einzigen Leute, die um ein Kind herum sein sollten, um es aufzuziehen, das müssen Leute sein, die dieses Kind absolut, 100%ig lieben.

RD: Ihr Vater hat kürzlich gesagt, er würde den Schaden, den er angerichtet hat, gerne  wieder gut machen und sich mit Ihnen versöhnen. Sind Sie daran interessiert?

AJ: Nein, nein. Ich glaube, das ist nicht etwas, das man der Presse mitteilt. Glücklicherweise habe ich in meinem Leben einen Punkt erreicht, an dem ich weiß dass ich, trotz alldem was er gesagt hat, immer ein guter Mensch war, und ein guter Freund. Und ich bin auch heute ein guter Mensch und eine gute Mutter. Und gerade weil ich eine Adoptivmutter bin, bedeutet Blutsverwandtschaft für mich nicht unbedingt Familie. Du musst dir diesen Status durch Zeit und Liebe verdienen. Du kannst dich nicht von heute auf morgen einfach ?Vater? nennen.

Ich hasse meinen Vater nicht. Ich klage ihn nicht dafür an, dass er sich von meiner Mutter hat scheiden lassen oder dafür, dass er Affären hatte. Er ist vom rechten Weg abgekommen. Ich akzeptiere allerdings keinesfalls die Art und Weise, wie er meine Familie behandelt hat, als ich noch klein war. Wir haben es aber irgendwie geschafft und wir sind eine gute Familie. Ich möchte deswegen nicht eine einzige Träne mehr weinen oder zusehen, wie meine Mutter das tut. 

RD: Ihr Sohn war ein Waisenkind in einem ärmlichen Dorf und heute ist er der angehimmelte Sohn eines Filmstars. Sie wissen, was das für ein Kind bedeutet ? das Kind eines Filmstars zu sein. Wie gehen Sie damit um?

AJ: Er wird manchmal ein Teil von Hollywood sein und mich am Set besuchen. Aber er wird auch wissen, wie die richtige Welt aussieht, und wie sehr sich seine Mutter darum bemüht. Er begleitet mich auf allen meinen Reisen für die UN. Er hat bereits zwei Pässe ? der erste war schon voll [mit Stempeln].

RD: Wollen Sie noch ein Kind adoptieren?
AJ: Ich habe diesen Traum, viele Kinder aus allen Teilen der Welt zu haben und sie zusammen aufwachsen zu lassen. Ich werde mal sehen, wie ich mit zweien oder dreien umgehen kann, weil ich allein erziehend bin und das ist nicht einfach. Ich hätte gerne acht Kinder, aber ich weiß nicht, ob ich das schaffen würde.

RD: Erzählen Sie uns mal von Ihrer Arbeit in den Flüchtlingslagern und ihrer Arbeit mit der UN.

AJ: Das war gar nicht geplant. Ich bin für ?Tomb Raider? nach Kambodscha gefahren und erst da ist mir klar geworden wie viel ich nicht wusste, und dass es wirklich ein Land gibt, in dem ich an bestimmten Orten nicht einfach so herum laufen konnte, weil diese mit Landminen präpariert waren. Dann habe ich herausgefunden, dass mein eigenes Heimatland den Vertrag zur Abschaffung von Landminen nicht unterschrieben hat. Ich bin mehr herum gereist und habe angefangen, zu lesen. Ich habe über das UNHCR (Flüchtlingshilfswerk der UN) gelesen. Da findet man heraus, dass es schon seit Urzeiten Flüchtlinge gegeben hat. Das UNHCR kümmert sich um ca. 20 Millionen Menschen. Ich dachte mir, wie kann das sein?

RD: Sie haben Stiftungen gegründet?

AJ: Ich habe das ?Maddox Relief Project? (relief = Erleichterung) gegründet, das sich auf Kambodscha konzentriert und dann gibt es noch die Jolie Stiftung, die Kindern in Waisenheimen hilft. Und dann gibt es noch ein Tierheim in Namibia, mit dem ich zusammenarbeite.

RD: Arbeiten Sie auch für derartige Projekte in Amerika?
AJ: Ich bin teilweise indianischer Herkunft, von der Seite meiner Mutter aus. Ich habe eine Organisation die ?All Tribes Foundation? (tribe = Stamm) heißt ? diese Organisation versucht eine Menge für das ?Pine Ridge? Reservat zu erreichen, indem es mit den Stammesältesten zusammenarbeitet. Und ich sponsere jedes Jahr einen Grundschulwettbewerb. Die Schüler malen Bilder und Poster für den Flüchtlingstag in Washington. Tausende von Kindern dazu zu bewegen, über dieses Thema nachzudenken, das ist großartig. Wenn es in einer Klasse ein Kind aus einem fremden Land gibt, dann sollten alle offener sein und sich dafür interessieren, wo es herkommt oder was es durchmachen musste ? anstatt sich über dieses Kind lustig zu machen.

RD: Schauen die Leute in Hollywood Sie wegen all dieser Arbeit nicht manchmal komisch an?
AJ: Manche Leute fragen mich: ?Was liest du gerade?? und ich sage: ?Oh, etwas über Burma.? Und dann sagen sie so etwas wie. ?Oh, toll. Fährst du da in Urlaub hin??

Es gibt eine Menge guter Menschen in Hollywood, und ich würde gerne einen Weg finden, diese mit ein zu beziehen. Ich hatte so einen Charity-Abend in meinem Haus, da ging es um die Abschaffung von Landminen, das war vor ein paar Jahren. Es waren 40 Leute da und ein paar gute Redner. Ich denke, dass das Geld, dass damals zusammenkam, das all diese unglaublich reichen Leute gespendet haben, ungefähr doppelt soviel war, wie ich ausgegeben hatte, um den Abend zu bezahlen. Sagen wir, die Party hat 2000 Dollar gekostet und es kamen ungefähr 4000 Dollar zusammen. Ich weiß, wie viel Geld ich habe. Ich weiß, was diese Leute haben. Ich war schon ziemlich enttäuscht dass es da nicht mehr Großzügigkeit gab. Also hab ich so was nicht noch mal gemacht. Dann gebe ich lieber direkt Geld aus meiner eigenen Tasche.

RD: Haben Sie als Star eine besondere Position?

AJ: Es ermöglicht mir, bestimmte Dinge zu tun. Wenn ich einen Film wie ?Tomb Raider?, mit einem großen Publikum mache, dann hilft mir das wahrscheinlich. Wenn ich mich entschließe, eine Schule mitten in Kenia oder Russland zu besuchen, dann freuen sich die Kinder dort. Das ist viel besser, als einen Oscar zu gewinnen.

Ich hatte eine depressive Phase als meine Karriere richtig losging, weil ich mich gefragt habe: ?Wofür bist du eigentlich berühmt? Ich hab doch nichts Besonderes gemacht. Und ich habe nicht wunderbares entdeckt.?

Wenn ich in einem Flüchtlingslager bin, dann fühle ich mich dort so viel besser als irgendwo anders in der Welt, weil ich von so eine Wahrheit und Familiarität umgeben bin. Ich fühle mich dort wirklich als Mensch. In diesen Ländern wissen die Leute nicht, wer ich bin. Ich bin genauso nützlich wie irgendeine andere Frau, die bereit ist, einen Tag lang im Schlamm zu verbringen. Vielleicht war es für mich wichtig, diese Erfahrung zu machen.

RD: Erzählen Sie uns über Ihren neuen Film, ?Alexander?. Was hat Sie zu Ihrem Charakter in dem Film hingezogen?
AJ: Sie ist eine sehr interessante Mutter. Sie wollte nicht, dass Alexander vor irgendetwas Angst hat. Sie wollte, dass er extrem hart und brutal wird, sie ermutigt ihn zu Gewalt. Das war zu einem Zeitpunkt in der Geschichte, in dem Menschen getötet wurden, wenn sie sich im Krieg nicht genug bewiesen hatten. Heute können wir unsere Söhne so erziehen, dass sie tun können was sie lieben, auch wenn sie nicht unbedingt gut darin sind. Sie musste Ihren Sohn auf diese  Weise erziehen, so dass er ein Großer wird ? nur so konnte er überleben.

RD: Sie hatten eine ziemlich harte Kindheit.

AJ: Wie jeder andere auch, hatte ich eine Teenie-Phase? vielleicht war meine schlimmer als die anderer Leute, auf eine gewisse Weise.

RD: Sie hatten mal eine Vorliebe dafür, sich selbst zu schneiden oder mit Ihrem eigenen Blut zu malen.

AJ: Ich glaube, die meisten Leute können solche Dinge nicht verstehen. Ich wollte mich immer schon lebendig fühlen. Ich habe dann dieses Ritzen angefangen und das mit dem Blut, denn dann fühlst du wie dein Herz schlägt und du siehst, dass du blutest. Du lebst.

RD: Gab es Zeiten, wo Sie gar nicht leben wollten?
AJ: Oh ja. Ich habe mich sehr leer gefühlt, innerlich. Ich hatte dieses Gefühl, dass mir eigentlich alles egal ist. Ich habe noch lange nicht herausgefunden, wer ich wirklich bin, aber ich weiß, dass ich für andere Menschen sehr nützlich sein kann. Ich kann Leuten eine Stimme geben, die nicht selber sprechen können. Ich kann eine Mutter sein, und ich weiß, wie das Leben meines Sohnes aussehen würde, wenn ich diese Entscheidung nicht getroffen hätte. Ich weiß, dass mein Leben einen Sinn hat.

RD: Haben diese Flüchtlingslager ihre Sichtweise der Welt verändert?
AJ: Oh Gott, ja. Ich hatte wirklich keine Ahnung, wie ungerecht die Welt wirklich ist, und wie unglaublich glücklich ich war. Meine Nachbarn in Kambodscha sind Opfer von Landminen und sie beschweren sich nie über etwas. Sie machen Musik, sie lächeln und sie ziehen ihre Kinder groß. Sie arbeiten alle zusammen. Jetzt stellen Sie sich diese Familie mal vor, und dann jemanden, der gerade auf dem Weg ins Büro im Stau steckt ? und schon sehen sie die Welt ganz anders.

RD: Gibt es etwas, das Sie noch nicht getan haben, aber gerne tun würden?
AJ: Ich bin mir sicher, dass mein Leben noch voller Abenteuer sein wird. Ich werde helfen wo ich kann. Die eine Sache, wo ich mir nicht so sicher bin ist, ob ich das alleine machen werde. Ich würde mein Leben gerne mit jemand anderem teilen, und ich glaube, dass ich dass eines Tag vielleicht kann. Es ist ein komischen Gefühl, mitten in der Nacht aufzuwachen ? oder wenn etwas Aufregendes passiert, zum Beispiel wenn dein Sohn zum ersten Mal läuft- und du hast keinen Partner, der sich eurer Leben lang an diesen Moment erinnern wird. Das ist schon irgendwie traurig. Aber wenn es stimmt, dass man im Leben nur eine große Liebe hat ? dann ist das für mich mein Sohn.

RD: Und wenn man noch eine Liebe hat, wie wird dieser Mann aussehen?
AJ: Der Mann, mit dem ich eines Tages zusammen sein werde, muss ein toller Vater sein, sich einsetzen, stark sein und ein unabhängiger Mensch. Ich will jemanden haben, der mich dazu antreibt, ein besserer Mensch zu werden als ich es heute bin. Ich habe dieses Gefühl mit niemandem in meinem Leben, nur mit meinem Sohn. Mein Sohn glaubt, ich könnte alles tun.

 

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